Schreiben

 

Ich schrieb, bis das Buch voll war. Anschließend setzte sich meine Mutter mit mir hin und las mir daraus vor. Sie verriet mir, wo die aneinandergereihten Buchstaben ein Wort bildeten, das es tatsächlich gab.

Einige Zeit vor meiner Einschulung hatte mir meine Mutter das Alphabet beigebracht. Mein erstes Werk schrieb ich in ein Kalenderbuch nieder. Ob es sich um ein abgelaufenes oder eines des aktuellen Jahres handelte, daran erinnere ich mich nicht mehr. Es war gebunden und entsprach optisch meiner Vorstellung einer erfolgversprechenden Buchveröffentlichung.

 

Als ich die zweite Klasse besuchte, kauften meine Großeltern einen Videorekorder. Meine erste Videokassette war „Superman IV – Die Welt am Abgrund“. Mein vier Jahre älterer Cousin hatte sie für 20 Mark im Angebot. Es sollte mein erstes Geschäft werden, bei dem es um eine gewichtige Summe ging. Hinter dem Haus, im Schatten: Mein Vater rollte den Gartenschlauch auf und empfahl mir, noch eine Nacht darüber zu schlafen. Er war gegen das Geschäft. Das spürte ich. Der Film war damals noch kein einziges Mal im Fernsehen gelaufen, nicht im Free-TV jedenfalls. Ich schlief noch eine Nacht darüber, dann wurde der Deal abgewickelt.

Ich schaute den Film stundenlang. Meine Großeltern schauten mit. Oftmals hatten sie etwas zu beanstanden, kritisierten den nach ihrer Ansicht unrealistischen Inhalt des Films und gaben sich gegenseitig an, dass es schon ein großer Unfug sei, der den Kindern heutzutage gezeigt würde. Als ich den Film auf Audiokassette aufnahm, bat ich beide dringend, während des Aufzeichnungsprozesses nicht zu sprechen. „Bitte! Bitte, sagt die ganze Zeit über nichts!“ Zuhause hörte ich mir den Film an. Ich schrieb die Dialoge mit. Auf einer uralten mechanischen Schreibmaschine hackte ich sie ins Papier. Die Geschichte erzählte ich in eigenen Worten nach und die Illustrationen besorgte ich ebenfalls selbst, indem ich vor dem Fernseher meiner Großeltern ausgesuchte Standbilder abzeichnete. „Nicht so lange das Bild anhalten, davon geht bloß der Apparat kaputt!“ behauptete meine Oma.

Ich tippte. Die Anschläge schepperten aus meinem Kinderzimmer heraus durchs Treppenhaus. Ich kam voran, die Buchstaben flogen recht flugs aufs Papier. Ich tippte wie Uschi Glas in dem Film mit Roy Black, in dem er sich als ihr Schreibmaschinenlehrer ausgab oder es war: Mit zwei Fingern. Meine Eltern schickten mich in einen Volkshochschulkurs für Maschinenschreiben. Aus Sorge, ich könne mir später mein antrainiertes Zwei-Finger-System nicht mehr abgewöhnen. Schließlich besuchte ich wochenlang dienstagabends diesen Kurs, um das Zehn-Finger-System zu erlernen. Mein Vater fuhr mich zu diesem Zweck extra von unserem Dorf in die mehrere Kilometer entfernt gelegene, nächste Kleinstadt, welche ich bislang hauptsächlich von Marktfesten und Samstagseinkäufen kannte.

Auf dem Rückweg schaute ich aus dem Autofenster. Ich saß hinten. Es war dunkel. Straßenlaternen leuchteten dunkelgelb und vereinzelt leuchteten auch Geschäfte. Zuhause würde ich nun gleich ins Bett müssen. Ich war zu dieser Zeit schon nicht mehr glücklich darüber, ein Grundschulkind zu sein. Es bedrückte mich, fünf von sieben Tagen dorthin zu müssen. Ich zählte mir jeden Dienstagabend im Auto vor, wie es um die absolvierten und noch zu absolvierenden Werktage meiner aktuellen Woche bestellt war. Mit meiner rechten Hand hielt ich zwei der Finger meiner meiner linken Hand umschlossen und schaute mir die verbliebenen drei an. Ich sagte mir, dass Mittwochmittags das Schlimmste bereits überstanden sei. In der Not musste man so denken. Meine Mutter hatte mir das beigebracht.

 

„Superman IV – Die Welt am Abgrund: Das Buch zum Film“ wurde nicht fertiggestellt. Ich ging dazu über Comicadaptionen zu schaffen, las aber weiterhin die nach meiner Ansicht wichtigsten „Das Buch zum Film“-Bücher. „Ein Hund namens Beethoven“, „Eine Familie namens Beethoven“, „Die Maske“, „Die unendliche Geschichte 3“ und „Pretty Woman“. „Pretty Woman“ war in der dritten Klasse mein Lieblingsfilm. Mein Cousin hatte angedeutet, dass der Film cool sei. Also zeichnete ich ihn bei meinen Großeltern auf. Mein Vater zog zu dieser Zeit gerade erst widerwillig in Erwägung, uns bald eine Satellitenschüssel aufs Dach montieren zu lassen. Also glotzte ich den Film bei meinen Großeltern. Mehrmals. Aber nur ein einziges Mal komplett. Aus Angst jemand könnte hereinkommen, spulte ich alle Szenen vor, in denen Sexualität angedeutet wurde, und schaltete dazu manchmal sogar den Bildschirm aus. An einem Samstag, als meine jüngere Schwester und ich bei den Großeltern über Nacht sein sollten, verabredete ich mit meiner Oma, im Wohnzimmer ein Video gucken zu dürfen. Oma, Opa und Schwester sollten gleichzeitig im anderen Wohnzimmer auf dem anderen Fernseher etwas im Fernsehen anschauen. Zwei Wohnzimmer. Zwei Fernseher. Ein Videorekorder. Genutzt wurde nur ein Wohnzimmer. Für gewöhnlich. Meine Oma willigte ein. Auch mein Spezialanliegen, dabei zwei Stunden lang völlig ungestört bleiben zu dürfen, sollte mir erfüllt werden. Also saß ich da, glotzte den Film, lutschte Halsbonbons und schmiss die Papierchen, in die sie eben noch eingewickelt waren, Richtung Fernseher auf den Boden, anstatt sie ordentlich beiseite zu legen. Ich war wie jemand, der sich in einem Vorführsaal nicht zu benehmen wusste, wie jemand, der sein eigener Herr war. Zwei Stunden lang.

 

Bald darauf begann ich mit der Comicadaption. „Pretty Woman: Der Comic zum Film“. Gab’s noch nicht. Genial. Ich zeichnete los. Es ließ sich gut an. Doch ich wurde zusehends faul. Anstatt mich an die Originalperspektiven zu halten, begann ich eigene zu entwerfen, die schneller zu zeichnen waren. Neben ein Paar Stiefel, in dem Vivians Füße steckten, malte ich eine Sprechblase, deren Inhalt sich nicht mehr 1:1 an die Vorlage hielt. Eine Zeitlang kam ich so gut voran, das ganze Vorhaben aber fing an, mir öde zu werden. Ich gab es nicht auf. Ich begann parallel dazu eine zweite Produktion. Eine eigene Erzählung. Ebenfalls in Comicform. „Ed“ war der schlichte Titel, den sie trug, benannt nach der Hauptfigur der Geschichte. Einem ziellos umherirrenden Penner, der immer irgendwie die Kurve kriegte. Ihren dramatischen Höhepunkt erreichte die Geschichte mit der Einlieferung Eds in ein Krankenhaus. Auf einer Liege wurde er von einem Ärzteteam durch eine Schwingtüre in den Operationssaal geschoben und irgendwo angestöpselt. Der Oberarzt forderte ein Instrument an und begann sofort zu operieren. Mit besorgtem, aber hochkonzentriertem Blick. In der Ecke des Bildausschnittes war eine Gerätschaft mit digitaler Zahlenanzeige zu sehen. Mit jedem Bild sank die Zahl darauf. Es hatte mit Eds Blut zu tun. Null bedeutete Tod. Als die Anzeige in den einstelligen Bereich gewechselt war, geriet der Arzt ins Schwitzen. Es lag nun allein an ihm. Er musste Risikobereitschaft zeigen. Einen unkonventionellen Weg gehen. Auch wenn seine Assistenten nicht gleich verstünden. Ohne diesen Einsatz seinerseits wäre Ed verloren. Der Arzt zog den Schlauch aus Eds Arm: Blut spritzte! Er stach sich seinen eigenen Arm an derselben Stelle auf und presste ihn gegen den von Ed. Die Kollegen schauten irritiert, erschrocken, ratlos. Was ging vor? Der Arzt presste so heftig es ging. Er presste sein gutes Blut rüber in Eds Körper. Er rettete Ed das Leben. Die Zahl auf der Anzeige stieg wieder an. Schweiß lief dem Arzt über die Stirn. Gleich  wäre Ed über den Berg. Er durfte nicht schlappmachen. Es gelang ihm. Der grüne Bereich war erreicht. Die angezeigte Zahl war eindeutig hoch genug. Langsam verstanden auch die Kollegen. Die Operation war beendet. Als das Ärzteteam samt Oberarzt Ed auf seiner Liege durch den Krankenhausflur schob, hatte sich die Aktion des Oberarztes bereits herumgesprochen. Andere Mediziner, die dort herumstanden, nickten ihm anerkennend zu oder applaudierten ihm. Manche schlugen sogar ein. – An dieser Stelle stellte ich meine Arbeit an „Ed“ ein. Es war nicht das Ende. Aber mir fiel nichts mehr ein. Auch „Pretty Woman“ beendete ich. Ich zeichnete ein paar Seiten eines Klatschmagazins mit viel Reklame. Auf dem Titel war ein Almöhi mit Sonnenbrille und langem, weißem Bart zu sehen, daneben stand „It’s cool man“. Aus dem TV war diese Figur hinlänglich bekannt und hatte bereits eine Dancefloor-Single mit dem Text aus der Reklame veröffentlicht. Ein gutes Titelmodell. Die Zeitung wurde trotzdem noch vor Erscheinen der ersten Ausgabe eingestampft, was bedeutete, dass ich sie zusammen mit „Ed“ und „Pretty Woman“ unter einen Stapel richtiger Zeitschriften in meinen Schrank legte. Ich war nicht überzeugt von meinem Material. Deshalb sollte es dort bleiben. Verborgen vor jeder Form von Öffentlichkeit.

 

Am Nachmittag waren meine Mutter, meine Oma, meine Schwester und ich in Dasing, da war oft großer Flohmarkt. Auf einer Decke ausgebreitet lagen VHS-Kassetten mit Spielfilmen darauf.

Meine Oma kaufte mir „Zurück in die Zukunft“. Als Geschenk, weil ich am darauffolgenden Tag in den Ministrantendienst eintreten sollte. Aus freien Stücken wollte ich ein Ministrant sein, genauso wie mein älterer Cousin einer war. Sonntagvormittags in seinem Ministrantengewand vor dem Altar kniend, warf mein Cousin lässig sein halblanges Haar zurück, so ähnlich wollte ich’s auch versuchen.

Außerdem zeigte mein Cousin mir aufregende Filme. Er war über den besten Kram aus den USA bestens informiert. Er wusste, wie die Schauspieler und Regisseure hießen und welche Filme es brachten.

Eine Zeitlang besonders hoch im Kurs standen bei ihm und mir amerikanische Kampfsportfilme. Jean-Claude van Damme wurde zu meinem Vorbild. Ich wollte ein Karatekämpfer werden. Ich trainierte. Öfter als ich trainierte aber dachte ich darüber nach, wie ein ideales Training abzulaufen hätte.

Ich studierte das Fernsehprogramm. Meine Oma schenkte mir mindestens einmal in der Woche eine Leerkassette. Bald hatte ich meinen Bettkasten halbvoll mit Videos. Gleichzeitig wurde es immer schwieriger, meine Großeltern davon zu überzeugen, dass alle diese Filme, die oft erst spätnachts liefen, für meine Altersgruppe geeignet seien. Mein Opa las sich die Angaben zur Handlung durch. Glücklicherweise fehlten diese ab Mitternacht meistens.

„Ein US-Aktionsfilm!“ polterte er gelegentlich los, und schlagartig wurde ich verzweifelt, wenn sich abzeichnete, dass ich einen gewünschten Film möglicherweise nicht einprogrammieren durfte. War ein Verbot erst einmal ausgesprochen, war es schwierig das Ruder noch einmal herumzureißen. Ich musste in so einem Fall bei meiner Oma eindringlichst betteln. Nachgiebigkeit war in solchen Momenten alles andere als angebracht. Ganz selten, wenn sie es restlos über hatte, ihr ihre Machtposition egal geworden war und sie ihre eigene, an meine Bettelei normalerweise anschließende Gnade nicht mehr erfüllte, trieb sie mich ausweglos in die Ecke. „Ich muss jetzt dann mal deinen Papa fragen.“ sagte sie dann. „Ich muss jetzt dann wirklich mal deinen Papa fragen, ob du die ganzen Filme wirklich aufnehmen darfst. Ich verstehe davon nämlich nichts.“

Horror. Horrorfilme. Auch Horrorfilme brachten es. Mit der Genrebezeichnung wussten meine Großeltern anfänglich nichts anzufangen, was mir entgegenkam. Mir war zu Ohren gekommen, dass die besten Horrorfilme nach Horrorbüchern von Stephen King geschaffen waren. Alleine die Titel zogen mich in ihren Bann. „Friedhof der Kuscheltiere“. „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“. Des Satans jüngste Tochter!, dachte ich, das würde die Toleranz meiner Großeltern übersteigen. Das gäbe ein Gezeter. Mehr noch als bei „Der Mann mit der Todeskralle“. Ich versuchte es gar nicht. Ich entschied mich dazu, „Es“ zu lesen. „Es“: Das Buch zum Film. Handlung: Ein böser Clown, der Kinder tötet. Heftig. Tausend Seiten! Das müsste ich mir unbedingt reinziehen. Eine gewaltige Herausforderung. Ein paar Tage später stand ich neben meiner Mutter in der Buchhandlung. Sie hatte den Titel vergessen und ich musste ihn der Buchhändlerin sagen. Fatal. Die Buchhändlerin schaute mich an, schaute meine Mutter an, kapierte, dass nicht meine Mutter das Buch lesen wollte, und wies meine Mutter darauf hin, dass es nicht für mich geeignet wäre. Mist! Ohne das Buch bestellt zu haben, verließen wir die Buchhandlung.

Meine Mutter war nicht gut darin, ihrem Sohn Wünsche abzuschlagen, und ich liebte sie nicht nur deshalb so sehr. Ich konnte ihr in meinen Worten erklären, warum es für mich unglaublich wichtig war, dieses Buch zu lesen und sie sah es ein. Sie sah es ein. Sie gab nicht nach oder ließ sich schlicht überreden: Meine Mutter sah es ein. Wir waren ein Team. Ein sehr gutes. Die Buchhändlerin gehörte nicht zu unserem Team. Trotzdem sagte meine Mutter: Nein. Ich war geknickt. Ich nahm es hin. Und einige Wochen später bekam ich „Es“ zu Weihnachten geschenkt.

Ich fing an, es zu lesen. Ich zeichnete ein Bild von einem Kind, das mit herausgerissenem Arm tot im Regen auf der Straße neben dem Kanalabfluss lag, und zeigte es meiner Mutter. Sorgenvoll betrachtete sie es.

„Zurück in die Zukunft“ konnte ich bedenkenlos in den Videorekorder einschieben und laufen lassen. Eine Komödie übers Zeitreisen. Da gab es wenig zu befürchten. Darüber war ich mir im Klaren.

Als wir aus Dasing heimkamen, ging ich damit also zu den Großeltern. Ich schaute mir den Film komplett an. Alles an dem Film war cool. Alles an dem Film war ausnahmslos cool. Ich erzählte es meiner Oma. Ich erzählte es meinem Opa. Daheim erzählte ich es meinen Eltern und meiner Schwester. Sie hatten noch nie etwas von „Zurück in die Zukunft“ gehört und es juckte sie auch nicht.

Abends lag ich bereits in meinem Bett und es war dunkel in meinem Zimmer, als meine Mutter hereinkam, zur Schreibmaschine ging, einen Zettel herauszog und wortlos damit wieder verschwand.

„Mama?“ sagte ich und sie reagierte nicht auf mich.

„Mama?“

Sie war mit dem Zettel ins Badezimmer gegangen, um ihn dort meinem Vater zu zeigen. Meinem Papa. Ich lag im Bett und begann zu zittern. Sie hatte nichts gesagt, obwohl ich „Mama“ gesagt hatte. Auf dem Zettel befand sich der Anfang einer Geschichte. Ich hatte ihn nicht aus der Schreibmaschine ausgespannt. Ich begann zu weinen. Ich zog die Decke über meinen Kopf. Meine Mutter kam zurück in das Zimmer, ich stellte mich auf, die Decke über mir, und drückte mich in die Wandecke, in der mein Bett stand.

„Beruhige dich!“ rief meine Mutter. Sie wollte mir die Decke von meinem Gesicht ziehen. „Komm wieder runter! Setz’ dich wieder hin!“

„Nein!“ schrie ich und heulte.

Meine Mutter hielt mich durch die Decke und redete beruhigend auf mich ein. „Komm schon, setz’ dich wieder runter auf dein Bett, leg dich hin...“ Ich beruhigte mich also langsam wieder, setzte mich und drückte mich schluchzend an sie. „Psst...“ sagte sie. „Morgen wirst du ein braver Ministrant...“ Ich drückte mich an sie und sie streichelte mich. „Psst...“

Am nächsten Tag wurde ich ein braver Ministrant.

Ich erinnere mich nicht an weitere Arbeiten auf der Maschine.

 

Das komödiantische Fach bot mir Spielraum. Gemeinsam mit zwei Schulkameraden zeichnete ich „Die Abenteuer des Superman jr.“, in denen sich Parodie und Hommage vereinten. Meistens zeigte das letzte Panel eine Explosion. Superman jr. eilt zur Rettung, fliegt durchs geöffnete Fenster und landet mit dem Kopf voraus in der Kloschüssel: Explosion. Superman jr. geht spazieren, findet überraschend ein Geschenk, freut sich darüber und macht es auf: Explosion. Auf karierten und halbierten Schulblockblättern entstanden täglich nach DIN A 5 genormte Comicstrips. Jeder einzelne Zettel stellte bereits bei der Vervollständigung einen kleinen Klassiker dar.

Als wir einen ansehnlichen Schwung beisammen hatten, gab ich ihn bei meiner Oma in Bindung. Mit Nadel, Faden und Fingerhut flickte sie ihn mühevoll zusammen. Ohne zu ahnen, welch heißes Eisen sich in seiner Mitte befand. „Die Sex-Abenteuer des Superman jr.“. Superman jr. landet mit Kondom auf dem Pimmel im Bett einer Frau, die beiden bumsen, er fängt an in das Kondom zu wichsen, es füllt sich, füllt sich, füllt sich und wird größer und größer und größer. Schließlich: Explosion. Die explizite Darstellung solcherlei Vorgänge war heikel, denn keiner von uns hätte hundertprozentig sagen können, wo die Öffnung für den Kondompimmel genau lag. Wie Spermien aussahen, war immerhin bekannt aus dem Film „Kuck mal, wer da spricht!“.

Das Freundschaftsverhältnis zwischen meinen beiden Schulkameraden und mir war wechselhaft und unbeständig. Als Autorenteam der „Superman jr.“-Reihe trennten wir uns schließlich im Guten voneinander. Meiner Ansicht nach galt die Serie als eingestellt. Manchmal trafen wir uns noch bei meiner Oma zum Videos glotzen. Meistens ich mit nur einem von beiden.

 

Als ich nach der Grundschule aufs Gymnasium wechselte, traf ich einige meiner bisherigen Mitschüler in der neuen Klasse wieder. Mit einem meiner ehemaligen „Superman jr.“-Mitautoren verbündete ich mich fortan gegen den Mistkäfer, der mich jahrelang drangsaliert hatte. Als Freund, als Feind. Das Verhältnis, das wir unterhielten, ließ sich nicht so einfach kategorisieren. Ich wollte das Schwein bluten sehen. Gewissermaßen. Ich wollte ihn weinen sehen. Ich wollte nicht mehr unter ihm leiden, sondern ihn leiden lassen. Man braucht keine Mukkis, um zuzuschlagen. Mein ehemaliger Mitautor und ich stellten es drei Monate lang unter Beweis.

Am Silvesterabend dieses Jahres tätigte ich meine erste Tagebuchaufzeichnung. Ich notierte, dass Schluss sein musste mit der Gewalt. Im Anschluss an die Neujahrsmesse ging ich auf mein Opfer zu, entschuldigte mich und hielt ihm meine Hand hin. Es schlug ein. Eine Woche später fing die Schule wieder an. Doch: Ich musste feststellen, dass ich Teil eines Duos war. Ich war fünfzig Prozent. Ich konnte es nicht durch alleinigen Entschluss beenden. Meine Versuche, mich zu entziehen, glückten nicht von heute auf morgen, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Aber ich kam davon los.

Ich ging wieder in Produktion. Über einige Wochen und Monate hinweg schuf ich mein erstes umfassendes Werk. Eine Hörspielreihe, der eine Comicreihe folgte. Sie trug den Titel „Ein kniffliger Fall für die Polizei“ und handelte von zwei völlig debilen Ermittlern. Die Hörspiele produzierte ich live und großteils improvisiert. Die Sounds kamen aus einem Keyboard. Ein Kassettenrekorder nahm alles auf. Die Comics füllten drei, vier Schreibblöcke und diese wiederum einen Ringordner. Eine Geschichte ging dabei über die gesamte Blocklänge, welche je nach Anzahl der ausgerissenen Seiten leicht variierte.

Jeder neue Fall begann gleich. Es ertönte ein Schuss. „Ah!“ rief jemand. „Ich bin erschossen!“

Ich zeichnete mit einem Kugelschreiber. Ich zeichnete und schrieb jeden Nachmittag. Mein Publikum bestand aus einer Person. Aus meinem ehemaligen Mitautor. Jedes Mal, wenn eine Kassette fertig war, gab ich sie ihm und wartete auf Kritik. Die Kassetten kamen gut an. Die Comics auch. Als die Reihe aus Mangel an neuen Ideen plötzlich abgeschlossen und schon eine Weile nichts mehr von mir erschienen war, versuchte ich es mit einem neuen Hörspiel. Es trug den Titel „Die Flieger“ und handelte von Flugzeugpiloten. Es gab einen klaren Held. Einen Piloten, der nicht bloß ein Quäntchen, sondern sehr viel cooler war, als die anderen, und dennoch war er ein Teamplayer. Doch es floppte. Anstatt angemessene Kritik zu erfahren, wurde ich ausgelacht, weil in meiner Geschichte ein Flugzug mit Benzin aufgetankt wurde. Aus reinem Trotz schob ich noch eine Comicversion von „Die Flieger“ nach. Schließlich zog ich mich für eine ganze Weile aus dem Geschäft zurück.

 

Auf dem Gymnasium lernte ich außerdem Jo kennen, mit dem ich mich anfreundete.

Als ich eines Nachmittags mit bei ihm zu Hause war, geriet mir eine CD-Zusammenstellung in die Finger. Sie trug den Titel „Nazis raus!“. Auf einem Schrank im Bügelzimmer seiner Mutter pappte ein Aufkleber, auf dem stand „Ausländerfeindlichkeit? Nein, Danke!“ Ausländerfeindlichkeit? Nazis? Ein Aufkleber auf dem Schrank eines Erwachsenen? Mit derlei war ich bisher nicht bewusst konfrontiert worden.

Auf einem Ministrantenausflug, nachts im Bus, auf dem Weg nach Rom, hörte ich die CD über meinen Discplayer. Bei dem Stück „Herrenreiter“ der Band „Mittagspause“ wurde es mir zum ersten Mal wegen eines Stücks Musik heiß und kalt. Ich überspielte mir die CD auf Kassette. Bis ich den Punkrock vollends für mich entdecken sollte, dauerte es noch ein paar Jahre. Aber ich hatte bereits jetzt das Gefühl, nicht mehr dort hinzugehören, wo ich mich aufhielt.

Nach zwei Jahren auf dem Gymnasium, begleitete Jo mich auf die Realschule. Wir fühlten uns überfordert. Ich, weil ich’s nicht abraffte. Jo, weil er nicht so viel Zeit in Schulkram investieren wollte.

 

Eines Tages ging ich in den Garten, legte alle meine bisherigen Produktionen zusammengeknüllt in einen alten Eimer und zündete das Papier an.

 

Während meiner Realschulzeit, verbrachte ich zahlreiche Unterrichtsstunden und Nachmittage in meinem Zimmer mit dem Zeichnen von Comics, die meine Lehrer, Klassenkameraden, Freunde und mich selbst karikierten und parodierten. Es entstand eine weitere, ungefähr zehn Ausgaben umfassende Reihe mit dem Titel „Die Abenteuer von Manni Mannweiler“. Manni gab es beinahe wirklich, er war ein Mitschüler. Meine Comics über ihn fanden sogar Nachahmer. Jede einzelne Ausgabe widmete ich Jo und schenkte sie ihm. Auch anderen schenkte ich mein Gekritzel. Jemand, der besonderen Gefallen daran gefunden hatte, erzählte mir eines Tages, dass er einen kompletten Ordner voll mit meinen Werken besäße. Ich war beeindruckt und fühlte mich sehr geehrt.

 

Mit vierzehn gründeten Jo und ich ein Magazin. Mindestens ein halbes Jahr sammelten wir Material. Ansichten. Befragungen. Geschrieben am Computer. Ausgedruckt auf Papier. Geschrieben an der Schreibmaschine. Ausgeschnitten und zusammengeklebt. Fotokopiert. Handsortiert. Geheftet. Ausgeliefert an die Adressen von anderen Magazinen.

Jo stieg nach ein, zwei Ausgaben aus. Ich schob alleine noch ein paar hinterher. Ich begann exzessiv Tagebuch zu führen. Meine erste alleinige Ausgabe bestand beinahe ausschließlich aus meinen Tagebuchaufzeichnungen.

Ich schrieb, doch es half alles nichts. Auf einmal beschloss ich, nicht eine Zeile mehr öffentlich zu machen, bevor ich nicht entjungfert wäre. Ich hielt mich nicht daran.

Ich zog von zu Hause aus.

Ich schrieb.

Dann schrieb ich nichts mehr.

 

Ich setzte den Stift an. Meine elektrische Schreibmaschine nervte mich. Einen Computer hatte ich nicht. Ich setzte den Stift an, wollte was hinschreiben, doch es kam nichts. Es war weg.

 

Ich war immer schwach gewesen. Bleistiftarme. Ein Bäuchlein. Keine Mukkis, nichts.

Oft saß ich da und versuchte zu spüren, dass alles in mir drin war. Ich horchte in mich hinein. Ich wusste, dass etwas raus wollte. Ich eiterte. Meine Kopfhaut. Mein Gesicht. Auf meiner Brust, auf meinem Rücken. Allerorten eiterte es. Manchmal stellte ich mir vor, nur ein winziges Stückchen rosa Haut bliebe übrig und der Rest wäre eine einzige Eiterhaube – ich bräuchte nichts tun, als gegen das letzte freie Stückchen zu drücken.

 

Ich eiterte ab. Ich wusste, dass etwas aus mir heraus wollte. Ich begann zu spüren, dass alles in mir drin war. Es war alles längst da, doch ich konnte nicht darauf zugreifen.

 

Ich setzte mich wieder hin. Ich schrieb.

Nichts.

 

Ich setzte mich hin, ich schrieb und es fing an.

Es zog sich über ein paar Wochen. Zuerst bemerkte ich es nicht. Eine leichte körperliche Veränderung. Gelenkschmerzen am Morgen. Ich führte es auf die krumme Haltung zurück, die ich nunmehr täglich vor meinem Laptop einnahm. Aber wenig später war es schon nicht mehr zu übersehen. Mir wuchsen Muskeln. Ich wunderte mich darüber, denn ich tat nach meiner Ansicht nichts dafür. Ich nahm es erfreut zur Kenntnis. Meine Finger schlugen auf die Tasten, die Unterarme lagen auf der Schreibtischkante auf. Ich spürte es zucken in meinen Oberarmen. Es euphorisierte mich, wenn ich mich abends nackt betrachtete und unzweifelhaft feststellten musste, dass sich mein Körper zu seinen Gunsten veränderte. Auf dem Computerbildschirm flogen die Buchstaben an mir vorbei, die Zeilen füllten sich, die Seiten füllten sich. Absatz um Absatz legte ich an Gewicht zu. Monatelang konnte ich mich beim Wachsen beobachten. Ich schrieb und wuchs. Ich saß so krumm vor meinem Laptop wie eh und je, doch an meinen Seiten prangte bald ein Gebirge von Armen. Ich nahm sie wahr, spürte sie und ich sah sie. Sie waren in mein ständiges Blickfeld gewachsen. Adern traten aus ihnen hervor. Ich fühlte, wie sie das Blut durch meinen Körper transportierten. Ich war kaum wieder zu erkennen. Mein Körper hatte enorm an Masse zugelegt. Meine Hände und jeder einzelne Finger daran waren doppelt so dick wie vor wenigen Monaten noch. Ich traf oft auf zwei Tasten zugleich, das Zehn-Finger-System ließ sich kaum noch anwenden. Aber es lief, es lief rund. Mein neuer Körper ängstigte mich nicht. Angst war nicht länger mein Begleiter. Angst war kein Homie mehr. Ich fühlte mich stark, denn ich wusste, ich war’s. Und ich schrieb.

 

Roland van Oystern

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