Ein wenig durch, aber zufrieden, geht es nach einem dreitägigen Kongress der Äther Youth in Köln zum lokalen Hauptbahnhof. Meine Mitfahrgelegenheit von Freitagabend nimmt mich wieder mit zurück nach Bern. 35 € pro Strecke ist nun wirklich nahezu geschenkt. 19 Uhr 30 werde ich unruhig. Wir haben 19 Uhr abgesprochen. Ich rufe ihn zehn- bis zwanzigmal an. Doch der Typ geht nicht an sein Handy. Eine Mischung aus Wut und Panik macht sich in mir breit. Wenn der Vogel mich im Stich lässt, habe ich ein riesiges Problem.
Eine weitere halbe Stunde später gibt es keinen Zweifel: Ich habe ein riesiges Problem. Ich gehe zurück in die Bahnhofshalle und komme am Schalter sofort an die Reihe. „130 € – bezahlen Sie bar oder mit Karte?” Weil ich kein Bargeld habe, hole ich meine Schweizer EC-Karte hervor. „Tut uns leid, die wird von unserem System nicht angenommen.” Ich versuche es mit meiner Sparkassenkarte. Zwar bin ich mir sicher, dass ich auf diesem Konto höchstens zehn bis zwanzig Euro zur Verfügung habe, aber vielleicht lässt sich das Konto überziehen. Falsch gedacht.
Ich fordere das Schicksal heraus und fahre ohne gültigen Fahrschein zurück zum Club Scheiße, meiner Wochenendherberge und mein Lieblings-Ätherblissement.
Schnellstmöglich muss ich an 130 € kommen – am Dienstag ruft eine halbwichtige Tagung in Bern. Hier in der Gegend einen Freund zu finden, der mir spontan mit mehr als 10 € aushelfen kann, ist keine leichte Aufgabe. Schließlich hilft mir Pöbeloli aus der Patsche. Montagmittag findet die Übergabe statt. Während die Drei Fragezeichen einen alten Fall aufklären, vergrabe ich mich ins Plumeau und schlafe den Schlaf, den sich mein Körper seit einer halben Woche gewünscht hat.
Die Übergabe verläuft wie geschmiert. Wenn ich mich spute, kriege ich den Zug um kurz vor vier. Am Bahnhof angekommen, kaufe ich das Ticket und mache mich ab aufs Gleis. Drei Minuten bevor mein Zug eintrifft, kriege ich Hunger. Der Blick auf die Imbissbude neben mir aktiviert meine Speichelproduktion.
„Einmal Bratwurst mit viel Senf! Aber bitte machen Sie schnell, mein Zug kommt jeden Moment”. Während ich aus meiner Hosentasche, in die ich vorhin Geld und Fahrschein gesteckt habe, den letzten Zehneuroschein herausziehe, fährt der Zug ein. Die mit dem augenscheinlich frittierten Haar hinter der Kasse stehende Frau, gibt mir mein Wechselgeld in Zeitlupe. Ich muss sprinten. Mit ein paar Sprüngen erreiche die Bahn, betrete das erste Großraumabteil und mache es mir gemütlich. Die Türen schließen. „Nächster Halt ,Siegen‘“.
„Die Fahrscheine bitte”, kaum habe ich mir den Senf aus dem Gesicht gewischt, steht die Schaffnerin vor mir. Sie ist um die fünfzig Jahre alt, klein, trägt eine Brille im Gesicht und eine herausgewachsene Dauerwelle auf ihrem unförmigen Kopf. Ich greife in meine Hosentasche. Außer einem zerknitterten Flyer, einer benutzten Serviette und ein paar Münzen, kann ich nichts finden. Jede Tasche in meiner Hose, jedes Fach in meinem Rucksack inspiziere ich. Der Fahrschein ist verschwunden. Der Titel der ersten GOLGATHA 7″ geht mir durch den Kopf: „Ich weiß nicht, ob ich weinen oder kotzen soll”. Ich entscheide mich für eine dritte Option: Eine unauffällige Atemübung. Mit dieser Technik versuche ich Ruhe in eine Situation zu bringen, die sich innerhalb weniger Augenblicke verschärft.
„Sie haben ihren Fahrschein verloren? Ich verstehe. Nun ja, aber ich gebe Ihnen die Möglichkeit, sich bei mir einen neuen bis ,Basel/Badischer Bahnhof‘ zu kaufen. Können Sie bar bezahlen?”
„Nein.“
„Aber dann muss ich Ihnen zusätzlich eine Strafe von 40 € berechnen, die Sie dann innerhalb der nächsten vierzehn Tage überweisen. Insgesamt macht das dann 150 €. Geben Sie mir bitte Ihren Personalausweis, damit ich Ihre Daten aufnehmen kann.” Während sie das sagt, hält der Zug an der nächsten Station.
Den Unmut herunterschluckend versuche ich mich mit weiteren Kosten abzufinden und gebe ihr den Ausweis. Anstatt die Klappe zu halten, beliefere ich die Frau unbewusst mit für mich verhängnisvollen Informationen: „Die Adresse ist aber nicht aktuell, seit Januar wohne ich in der Schweiz. Allerdings kann ich ihnen meine Anschrift mit meiner Monatskarte bestätigen.”
„Wie? Dann ist der Ausweis nicht gültig. Die Angaben auf der Monatskarte sind irrelevant.“
Äh, was? Endzeitstimmung. Alternative Lösungen habe ich nicht parat. Resigniert nehme ich mein Gepäck und will aussteigen. Kurz bevor ich die nächste Ausstiegsmöglichkeit erreiche, pfeift die Trulla und gibt dem Lokführer das Zeichen für die Abfahrt. „Pardon, aber ich konnte den Zug nicht aufhalten. Der nächste Halt ist ,Frankfurt, Flughafen‘”.
Pardon? Nun spricht sie schon auf Französisch mit mir, diese verlebte Mistmuck! Wie geistesabwesend schaue ich durch sie hindurch. Ich sehe mich in einer Dreiviertelstunde ohne Geld und ohne gültigen Ausweis am Frankfurter Flughafen stehen. Und dann? Keine Ahnung. Ich bin baff. Ich bin so etwas von baff wie lange nicht mehr. Gelegentliche Abenteuer sind schön und gut, aber das muss nun wirklich nicht sein. „Weinen oder kotzen”? Vor den Augen der Schaffnerin beginne ich zu würgen.
Bevor ich wie eine frisch geputzte Katze Fell oder ähnliches ausspucken kann, macht die Schaffnerin ihren Mund auf: „Geht es Ihnen gut?”, fragt sie und quillt für eine Sekunde fast vor Empathie über. Ich halte meinen Mund.
„Okay, passen Sie auf, ich habe nicht gehört, dass die Adresse auf ihrem Ausweis nicht aktuell ist. Wenn Sie die Rechnung nicht bezahlen, kommen Sie in Teufelsküche. Also bitte tun Sie uns beiden den Gefallen und bezahlen das Geld”, sie zwinkert mir mit einem Auge zu.
Hoffnung. Lichtblick. Happy End. Zumindest für diesen Moment. Der letzte klägliche Rest meines Serotonins wird ausgeströmt. Ein warmes Gefühl macht sich in mir breit. Ich gehe zurück zu meinem alten Platz.
Die Fahrt bis nach Basel verläuft angenehm und ohne Zwischenfälle. Vier Stunden später fahre ich eine Station schwarz und steige in ,Basel/Schweizer Bahnhof‘ aus. Der Zug fährt weiter über Bern nach Interlaken. Für die Weiterfahrt muss ich einen weiteren Fahrschein kaufen. Ich bin guter Dinge. Schließlich befinde ich mich in dem Heimatland meiner Bank. Basel ist nach Zürich und Genf die drittgrößte Stadt der Schweiz. Also wird es selbstverständlich sein, dass selbst die kleine Valiant hier einige Filialen hat, vielleicht sogar in Bahnhofsnähe. Nachdem niemand eine Bank mit einem derartigen Namen kennt, rufe ich von meinen letzten Schweizer Franken die Auskunft an.
„Nein, es tut mir leid, für die Valiantbank ist in Basel KEIN EINTRAG verzeichnet. Ade.” Bitte? Stille… Vakuum… Endstation… Das ich nicht lache! Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich die heutigen Ereignisse mit Humor nehmen kann. Nach Bern sind es keine einhundert Kilometer mehr. Meine Lage ist, unabhängig von meinem Befinden, wieder sehr, sehr finster. Ich fasse zusammen: Kein Bargeld, keine verwendbare EC-Karte, keinen gültigen Personalausweis und noch viel schlimmer: Kein Beleg dafür, dass ich eine Aufenthaltsgenehmigung habe und in der Schweiz wohnhaft bin. Der Gedanke, schwarz nach Bern zu fahren und mich im Zweifelsfall erwischen zu lassen, löst sich in der Gewissheit auf, hier als angeblich in Düsseldorf wohnender Ausländer nicht viele Privilegien zu besitzen.
Ein Leben am Basler Bahnhof ist vermutlich besser als ein Leben am Frankfurter Flughafen. Aber völlig möchte ich mich meinem Schicksal allerdings noch nicht fügen und werde geistreich. Die Polizei kann mir sicherlich bestätigen, dass ich in der Schweiz gemeldet bin. Oder vielleicht kann ich mit meiner Sparkassenkarte am Geldautomaten mehr Geld als in Deutschland abheben, weil hier keine präzisen Informationen über meinen Kontostand vorliegen. Bevor ich als alter Deutschpunker („Schlachtrufe BRD II-IV”) die Hilfe eines Polizisten in Anspruch nehme, versuche ich zunächst den zweiten Gedanken in die Tat umzusetzen. Der Plan geht auf. Der Automat spuckt mir den benötigten Schein aus. Achtung Bern, ich komme.
Etwa 22 Uhr schließe ich die Wohnungstür auf. Happy End – zwar ein teures, aber wenigstens ein Happy End. Und das ist erst mal die Hauptsache. In meinem Küchenschrank befindet sich noch genügend Reis, um die nächsten zwei Wochen über die Runden zu kommen. Irgendwo in meinem Zimmer finde ich sicherlich noch eine Flasche Wein. Mehr zum Leben brauche ich nicht. (Christoph Parkinson)
Christoph Parkinson @ http://www.furiousclarity.de/